Bildband über „Gayhane“ : Die Nacht anhalten

Der Berliner Künstler Nicolaus Schmidt hat für seinen prachtvollen Bildband „Kosmos Gayhane“ Gäste der legendären Party im Kreuzberger SO 36 fotografiert.

Fotografieren ist streng verboten bei der „Gayhane“-Party im SO 36. An den Wänden hängen Piktogramme, die darauf aufmerksam machen, auf der Bühne werden extra Durchsagen gemacht. Selbst wer nur ein Selfie von sich und seinen Freundinnen knipst, muss damit rechnen, dass eine Aufpasserin eingreift, in deren Gegenwart man die Bilder löschen muss.

Anders als beim Berghain, wo das Fotoverbot auch ein mythosfördernder PR-Faktor ist, geht es bei „Gayhane“ um Existenzielleres. Da sich die seit 1998 im SO 36 stattfindende Party insbesondere an queere Menschen aus dem türkischen und arabischen Raum richtet – der Event-Name bedeutet etwa „schwules Haus“ – ist es den Veranstalter*innen wichtig, dass hier auch nicht geoutete Personen ungezwungen feiern können. Niemand soll Angst haben, dass ein missgünstiger Verwandter seinen schwulen Cousin fotografiert, um ihn im Familienkreis schlechtzumachen, gar zu erpressen.

Queeres Jubiläum im SO36: „Gayhane heißt Schwulenhaus“

„Gayhane“, die queer-orientalische Partyreihe im SO36, feiert am Samstag Zwanzigjähriges. Ein Gespräch mit Sabuha, Ipek und Frieda.

Bereit für die Feier zum Zwanzigjährigen: DJ Ipek und Sabuha vom Gayhane-Team Foto: Aileen Kkvan

taz: Ipek, die Partyreihe Gayhane feiert an diesem Samstag im SO36 ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Das Konzept, queere Partys mit orientalischer Musik zu veranstalten, war damals revolutionär und ist immer noch ein großer Erfolg. Wie ging es einst los mit Gayhane?

Ipek: Damals haben Fatma Souad und Cihangir Gümüştürkmen mit dem Salon Oriental im SO36 in Kreuzberg begonnen. Der Salon Orien­tal war so etwas wie ein türkisches LGBTQI-Kabarett-Format, wo es inhaltlich auch stark um Themen wie Rassismus und Migration, Sexismus und Homo- und Transphobie ging. Sabuha kam dann später mit in deren Veranstaltungsteam.

Sabuha: Das Kabarett ging so eine bis eineinhalb Stunden lang und wurde hauptsächlich von einem türkischen Publikum besucht. Aber danach wollten die Leute nicht sofort wieder nach Hause gehen, sie wollten sich noch weiter amüsieren. Und da haben wir gesagt: Okay, und holten Ipek als DJ hinzu. Gayhane war dann bald eine Art Afterparty des Salon Oriental. Und 1998 wurde daraus eine eigenständige Partyreihe.

Ipek: Durch den Erfolg des Salon Oriental und dann von Gayhane wurde überhaupt erst so richtig klar, dass es ziemlich viele queere Migrant*innen aus dem orientalischen Raum in Berlin gibt, die auch ausgehen wollten.

Sabuha: „Hane“ steht im Arabischen und im Türkischen für Haus. Gayhane heißt also so viel wie Schwulenhaus.

Queeres Jubiläum im SO36: „Gayhane heißt Schwulenhaus“

Queere Partyreihe in Berlin: Eine Heimat der Nacht

Seit den 90ern ist „Gayhane“ im SO36 ein Treffpunkt im queeren Unendlichen. Fotograf Nicolaus Schmidt hat der Partyreihe nun ein Denkmal gesetzt.

Queeres Berlin: Showtime mit Cihangir im „Gayhane“ Foto: Nicolaus Schmidt

Vielleicht ist es für dieses Haus nur gut, dass eine doch naheliegende Idee nie erwogen wurde. „Gayhane“ nämlich zum wenigstens Berliner Weltkulturerbe zu erklären, zum vermutlich wichtigsten Ausgehlokal der Stadt, nicht nur des Bezirks Kreuzbergs. Was vielleicht daran liegt, dass nicht jeder und jede hineinkommt: Das „Gayhane“, das seine Türen im SO36 ohnehin nur einmal im Monat öffnet und dies auch nach den Corona-Lockdowns auch wieder tun wird, ist ein Tanz- und Performanceschuppen von Schwulen und Lesben und Trans*­men­schen und Drags, aber eben nicht von weißen Queers, sondern solchen „türkischer“ Herkunft.

Das so zu beschreiben klingt viel zu formal, identitätsverschubladisiert, als sei das Benannte in wörtlichen Markierungen zu haben, und genau das ist es nicht: Herein kommt, wer überhaupt körperlich und vom Gemüt her Lust hat, sich auf die türkische, arabische, indische oder israelische Musik einzulassen, die wird nämlich aufgelegt zum gemeinsamen Move. Oder, aus der Perspektive des echten Lebens: Menschen, die in Clubs und Discos und Tanztempeln wegen ihrer als muslimisch gelesenen Körper nicht oder nur unter Verdacht hereingelassen werden.

Nicolaus Schmidt, in Hamburg ausgebildeter Fotograf und dort unter anderem in den Siebzigern für die Underground-Zeitschrift rosa tätig, hat dem „Gayhane“ eine opulente Bekennerschrift gewidmet, ein schieres Bekenntnis zu dieser Partyreihe selbst. Aber das wiederum ist zu kühl umrissen: Ein wirklich schweres Coffee-Table-Book in schmuckem Einband ist es geworden, darin viele zwischen 2003 und 2006 aufgenommene Bilder von den Be­su­che­r:in­nen des „Gayhane“.

Queere Partyreihe in Berlin: Eine Heimat der Nacht

Gayhane – Gay Arab Party

Once a month (last Saturday of each month) the iconic SO36 club in Kreuzberg is invaded by a super fun and peculiar “oriental” gay party called Gayhane. By “oriental” we mean Arabs and Turks of all origins and their admirers. The crowd is super diverse, though. So do not be intimidated if you are neither. This unique party has become somewhat of a tradition in the past 15 years and you are guaranteed to enjoy it.

The club is located along Oranientrasse, a super bohemian street in Kreuzberg. It is a great area to explore at night. A good plan usually involves a late dinner (go for Turkish food!), then drinks and a night club to follow.

Only “oriental” pop songs are played during the whole night and at some point there is a belly dance show by a male dancer. Isn’t this just super camp and sensational? We thought so.

Gayhane – Gay Arab Party

20 Jahre „Gayhane“ im S036 : Wo das queere Multikulti-Berlin im Kreis tanzt

Auf zum Halay: Seit 20 Jahren feiert die Party-Reihe „Gayhane“ im SO36 queere Kultur. Am Sonnabend ist das Jubiläumsfest mit DJ Ipek und vielen anderen.

Berlin, Mitte der 90er Jahre. Im Punkladen SO36 veranstaltet der Promoter Richard Stein 1994 „Morgenland Schleiertanz“, die erste „Queer Oriental Party“ Deutschlands. Kurz darauf ruft die Schauspielerin und LGBT-Aktivistin Fatma Souad 1996 den Salon Oriental ins Leben: ein queeres Kabarett, in dem Migranten der zweiten Generation Travestie performen und zweistündige, hochpolitische Shows auf die Bühne bringen, erzählt Gayhane-Mitbegründerin Sabuha Salaam.

Trashig und sozialkritisch zugleich sei es damals zugegangen. Denn neben einem humorvollen Blick auf deutsch-migrantische Zustände thematisierten Sabuha und ihre Mitstreiter*innen immer auch Tagespolitik, wie den Rassismus der Dominanzkultur oder Abschiebungsfälle.

Vor zwanzig Jahren zog der Salon Oriental dann ins SO36 um und bekam eine eigene After-Party: Gayhane findet seitdem ein mal pro Monat statt. Am Samstag wird mit einer Jubiläumsshow gefeiert.

20 Jahre

NICOLAUS SCHMIDT – KOSMOS GAYHANE

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Gayhane

Gayhane ist längst über die Grenzen der Stadt bekannt und findet bereits in vielen großen Städten Nachahmer. Seit Jahren begegnen sich LGBT*I und deren Freunde auf dem HomoOriental Dancefloor, den die DJs Ipek, mikki_p und Amr Hammer mit türkischer, arabischer aber auch griechischer und hebräischer Popmusik gestalten. In einer Mischung aus morgen- und abendländischen Klängen und Temperamenten entwickelt sich sehr schnell eine stimmungsvolle Party, deren Flair durch die phantasievolle Verwandlung des Veranstaltungsortes in ein orientalisches Festzelt untermalt wird.

Das tanzwütige Treiben erfährt um 1:00 Uhr durch Mitternachtsspitzen eine Unterbrechung. Bevor es eine Showdarbietung eines Special-Guest aus der Programmpalette von verschiedensten KünstlerInnen gibt, gilt es zunächst ein wichtiges Anliegen des Abends den Gästen näher zu bringen: Nämlich nicht nur einen beschwingten Abend zu genießen, sondern auch gemeinsam mit unseren Gästen Solidarität mit den verschiedensten politischen und sozialen Projekten und Gruppen zu üben.

KOSMOS GAYHANE Nicolaus Schmidt

Gayhane im Berliner Club SO36 ist eine Besonderheit im Berliner Nachtleben: orientalisch und queer. Gayhane ist das »House of Halay«, dem traditionellen Rundtanz. Hier treffen sich Lesben, Schwule, »Heten«, Männer mit Bart und Tunten auf Highheels. »Hane« steht im Arabischen und im Türkischen für Haus, Gayhane bedeutet also etwas Ähnliches wie Schwulenhaus. Die Musik, die hier erstmals aus türkischen, arabischen, indischen und anderen Songs gemixt wurde, hatte einen großen Einfluss auf andere Metropolen. Gayhane ist ein geschützter Raum, es darf nicht fotografiert werden.

Nicolaus Schmidt konnte dort dennoch in Kooperation mit Fatma Souad von 2002 bis 2006 eindrückliche Porträts aufnehmen und entwickelte für den Gayhane-Kosmos eine Schrift aus Körperformen, auch »morphografische Schrift« genannt. Entstanden ist ein Buch als Kunstwerk. Der Kosmos Gayhane folgt eigenen Regeln, und so ist auch die Schrift nicht ohne Weiteres zu entschlüsseln.

Ein Begleitheft (S/W-Magazin) spiegelt in Texten (von Helen Adkins, İpek İpekçioğlu, Fatma Souad, Kira Kosnick und Nicolaus Schmidt) und Fotografien diese besondere Berliner Geschichte – seit 1999: Gayhane im SO36!

Eine bebilderte Handhabung zur Mappe mit Künstlerbuch und Magazin (Poster).

Weitere Informationen finden sie bei Nicolaus Schmidt und der Kunststiftung K52Nicolaus Schmidt hat bei Kilian Breier an der HfBK Hamburg studiert und konzentriert sich in seiner sozial engagierten Fotografie auf soziale Gruppen innerhalb einer Gesellschaft.

Pressemitteilung zur Katalogpräsentation mit ausgewählten Arbeiten von Nicolaus Schmidt

Ansicht Schuber, »Dreideckenband« mit Künstlerbuch und Magazin

Ansicht »Dreideckenband« mit Künstlerbuch und Magazin

Seitenansicht: Multiple mit Farbfotografie und »morphografischer Schrift«

Seitenansicht: Multiple mit Farbfotografie und »morphografischer Schrift«

Seitenansicht: Multiple mit »morphografischer Schrift«

Gayhane

Gayhane ist längst über die Grenzen der Stadt bekannt und findet bereits in vielen großen Städten Nachahmer. Seit Jahren begegnen sich LGBT*I und deren Freunde auf dem HomoOriental Dancefloor, den die DJs Ipek, mikki_p und Amr Hammer mit türkischer, arabischer aber auch griechischer und hebräischer Popmusik gestalten. In einer Mischung aus morgen- und abendländischen Klängen und Temperamenten entwickelt sich sehr schnell eine stimmungsvolle Party, deren Flair durch die phantasievolle Verwandlung des Veranstaltungsortes in ein orientalisches Festzelt untermalt wird.

Das tanzwütige Treiben erfährt um 1:00 Uhr durch Mitternachtsspitzen eine Unterbrechung. Bevor es eine Showdarbietung eines Special-Guest aus der Programmpalette von verschiedensten KünstlerInnen gibt, gilt es zunächst ein wichtiges Anliegen des Abends den Gästen näher zu bringen: Nämlich nicht nur einen beschwingten Abend zu genießen, sondern auch gemeinsam mit unseren Gästen Solidarität mit den verschiedensten politischen und sozialen Projekten und Gruppen zu üben.

Das ist Gayhane

lädt die Partyreihe Gayhane nun schon auf den „Homo Oriental Dancefloor“ im SO36 in Kreuzberg. Gayhane ist eine weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte queere Veranstaltung, die vor allem MigrantInnen dazu einlädt, zu orientalischer Musik aller Art zu tanzen.

gehören mit zum harten Kern von Gayhane. Sie wollen nur mit ihren Vornamen genannt werden. Gayhane ist ein geschützter Raum, und das wollen die drei auch für sich selbst geltend machen. Frieda ist Türsteherin bei Gayhane, Sabuha gehört zum Organisationsteam, Ipek ist DJ.

Queere Partys, dezidiert für ein migrantisches Publikum, bei denen es orientalische Musik zu hören gibt und Bauchtanz zum Programm gehört: Wie lange hat es gedauert, bis die Leute kapiert haben, was bei euch passiert?

Ob Arabischer Frühling oder Erdoğan: das bleibt alles vor der Tür. Wir sind einfach Menschen, die sich amüsieren möchten

Sabuha: Gayhane war eigentlich gleich ein Erfolg und ist immer noch eine der am besten besuchten Partys im SO36. Aber es steckt auch sehr viel Arbeit und Werbung hinter dem Erfolg, zumindest am Anfang. Und sehr viel Aufklärung. Auch darüber, dass unsere Gäste bei uns einen geschützten Ort vorfinden würden. Das galt von Anfang an auch für Leute, die noch nicht geoutet waren oder sich nicht outen wollten.

Ipek: Es kamen von Beginn an auch Besucher aus anderen Städten und anderen Ländern zu Gayhane. Aus Hamburg, aus Italien, Spanien, sogar aus Istanbul. Weil sie wussten, bei uns konnten sie in der Anonymität lesbisch, schwul, trans, inter, aber auch orientalisch, türkisch, kurdisch, arabisch oder was auch immer sein, ohne dass sie rassistisch, homo- oder transphob angemacht würden.

Sabuha: Gayhane ist immer noch die einzige Party in Deutschland, und ich würde sogar sagen, auf der ganzen Welt, die in solch einem Ausmaß die Stichworte queer und orientalisch zusammenbringt.

Das Buch

Nicolaus Schmidt: Kosmos Gayhane, herausgegeben von der Berliner Kunststiftung K52, Artinflow-Verlag, Deutsch und Englisch, 168 Seiten, limitierte Auflage, Preis auf Anfrage über

Gäste zu fotografieren, war und ist verboten, wie ja auch im Berghain, aber während diese Institution der (Auch-)Promis diese Untersagung strikt nimmt, weil dessen Be­su­che­r:in­nen sich eben nicht wie auf einem Catwalk benehmen sollen, ist es beim „Gayhane“ ja so, dass die Nacht aller Nächte auch Menschen anzieht, für sie generell da ist, die als nichtheteromäßig begehrende Männer (und Frauen) weder geoutet sind noch es wollen, ängstlich, in ihren Familien, in ihren Umwelten als queer zu gelten.

Fotograf Schmidt, dem nach seinem Lebensortwechsel nach Berlin das „Gayhane“ zum Sehnsuchtsort und er also dort Stammgast wurde, hat aber alle Erlaubnisse eingeholt, er kann mit den Be­trei­be­r:in­nen gut, auch mit der auf dem Cover präsentierten Fatma Souad.

Welche Faktoren es bei dem Kauf seiner Gayhane zu analysieren gilt

Als nächstes hat unser Testerteam schließlich eine kleine Checkliste zum Kauf zusammengefasst – Damit Sie als Kunde unter all den Gayhane der Gayhane ausfindig machen können, die absolut perfekt zu Ihnen als Kunde passen wird!

Gayhane – House of Halay

House of Halay für Lesben und Schwule. Belly Gogos, Mitternachtsshow und HomoOriental Dancefloor von DJane Ipek und Gast DJs… Das Volk strömt in bunt gemischten Massen zu dem allmonatlichen Bauchtanz-Beat-Event. GAYHANE ist längst über die Grenzen der Stadt bekannt und findet bereits in vielen großen Städten Nachahmer. Seit nun fast 8 Jahren begegnen sich Lesben, Schwule, Transen und deren Freunde auf dem HomoOriental Dancefloor , den die DJ´s Ipek, mikki_p und gürkush mit türkischer, arabischer aber auch griechischer und hebräischer Popmusik gestalten. In einer Mischung aus morgen- und abendländischen Klängen und Temperamenten entwickelt sich sehr schnell eine stimmungsvolle Party, deren Flair durch die phantasievolle Verwandlung des Veranstaltungsortes in ein orientalisches Festzelt untermalt wird. Das tanzwütige Treiben erfährt um 1:00 Uhr durch Mitternachtsspitzen eine halbstündige Unterbrechung. Bevor es eine Showdarbietung eines Special-Guest aus der Programmpallette von Bauchtanzperformance bis hin zur singenden Transe gibt, gilt es zunächst ein wichtiges Anliegen des Abends den Gästen näher zu bringen: Nämlich nicht nur einen beschwingten Abend zu genießen, sondern auch gemeinsam mit unseren Gästen Solidarität mit den verschiedensten politischen und sozialen Projekten und Gruppen zu üben. Dieser feste Bestandteil des Partykonzeptes von GAYHANE versteht sich als praktizierte Solidarität des Veranstaltungsteams, sowie des gesamten SO36 Kollektivs. Wenn dann nach der Show bei der Disco der Halay (Orientalischer Kreistanz) erklingt, liegen sich Tunten, Heten, Lesben und „Brunhild Özdemir“ Arm in Arm, so dass die Stimmung nur so kocht und kocht… in den frühen Morgen…..

Schwul, lesbisch, muslimisch

DJ Ipek setzt die Nadel auf die Platte, türkische Volksmusik mischt sich mit elektronischem Beat. Seit 18 Jahren legt Ipek Ýpekçioðlu im SO36 auf. Sie ist der Star dieser Szene, eine der berühmtesten lesbischen DJanes in Berlin.

Die Menschenmenge, bunt, schwul, gut gelaunt, bewegt sich im Takt. Mustafa lächelt über das ganze Gesicht, er tanzt seit Stunden. In einer kurzen Pause holt der 47-Jährige eine Menthol-Zigarette aus einem silbernen Zigarettenetui. Mustafa lebt in Charlottenburg, dort arbeitet er als Verkäufer bei dm. Nach Kreuzberg fährt er speziell zur Gayhane: Hier schlägt sein Herz.

„Hane“ bedeutet auf Türkisch „Haus“, „meyhane“ heißt „Kneipe“. Die Gayhane im SO36 ist für die queere internationale Community beides. Das ist ein Ort, wo sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen aus allen Kulturen zu Hause fühlen und richtig feiern können.

Ipek trägt Lederarmbänder, links ist ihr Kopf kurz frisiert, eine große Tätowierung mit orientalischem Ornament schmückt ihren flachen Bauch. Vor einem Monat ist sie 40 geworden. Ipek ähnelt ihrer Musik: Sie ist schnell, jovial, multikulturell und sexy. Und noch etwas: Sie ist Muslima. Ipek weiß, dass viele islamische Gläubige sie für ihren Lebensstil verachten. Ipeks Familie hat aber akzeptiert, dass sie lesbisch ist. Sogar der Großvater in der Türkei, ein robuster konservativer Mann, vor dem sie besonders Angst hatte. Am Anfang der 90er-Jahre sagte er einmal zu ihr: „Ipek, das passt weder zu unserer Kultur noch zu unserer Religion. Aber du bist unser Enkelkind, wir lieben dich“. Der Preis der Selbstbestimmung ist bei jedem anders.

Genauso wie Ipek gehört Mustafa zur zweiten Generation der türkischen Einwanderer. Doch weder vor 20 Jahren, noch heute kann er über seine Homosexualität mit seiner Familie reden. Mustafas Vater ist Imam in einer Berliner Moschee, sehr religiös, in einer konservativen muslimischen Gemeinschaft verankert.

Auch Mustafa ist gläubig. Durch seinen Vater hat er den Koran lieben gelernt. Eines Tages war Mustafa sogar bereit, ein muslimisches Mädchen auf Wunsch der Familie zu heiraten. „Zum Glück bin ich rechtzeitig da raus gekommen“, denkt er heute.

„Mein Vater würde nie akzeptieren, dass ich schwul bin“. Obwohl Mustafa es nie von seinem Vater gehört hat, weiß er das. Versteckt leben konnte er aber nicht mehr. Er nutzte einen kleineren Streit, um sich von seiner Familie zu distanzieren. Er zog in einen anderen Bezirk und brach den Kontakt ab. „Das war eine wahnsinnige Sehnsucht, ich musste vieles verdrängen“, erinnert er sich. Es tat ihm weh. Nun hat sich Mustafa mit dem Verlust abgefunden. Seinen Freunden bringt er türkische Kultur näher: Er kocht für sie und nimmt sie auf orientalische Partys mit. Während Mustafa über seine Vergangenheit mit ihnen spricht, klingt seine Stimme traurig. Doch in zwei Sekunden lacht er wieder und zündet eine neue Menthol-Zigarette an.

Der Mann auf der Bühne trägt eine lockige Perücke und eine traditionelle durchsichtige Bauchtanzkleidung. Er bewegt seine Hüften nach rechts und links, der Schmuck an seinem Rock rasselt. Auch sein Mund bewegt sich: Der etwas übertriebene Kampf des Kiefers mit dem Kaugummi weist auf den leicht ironischen Charakter der Show hin. Cihangir ist Bauchtänzer. Die Wurzeln seines Berufes findet er in der Geschichte: „Über 500 Jahre hatten wir eine Tradition mit Knabentänzern im Osmanischen Reich, bis zum Verbot 1857. Aber auch heute gibt es in der Türkei viele Bauchtänzer.“

Cihangir ist, ähnlich wie DJ Ipek, nicht nur ein Künstler. In den letzten 20 Jahren hat er die queere orientalische Szene in Berlin stark mitgeprägt. Bereits 1996 hat er mit Fatma Souad, einem anderen Star der Gayhane, das queere Kabarett „Salon Oriental“ gegründet. Bei der Gayhane ist er seit der ersten Party in 1997 dabei.

Wenn Mustafa daran denkt, was er an der Gayhane mag, fällt ihm als erstes das Wort „Multikulti“ ein. Denn auf dieser Party kann er alle seine Identitäten gleichzeitig ausleben. Im realen Leben stößt er dabei auf Hürden: „Bei den Deutschen war ich nie ganz deutsch, weil ich dunkel bin. Bei den Schwulen fand ich mich auch nicht so heimisch. Viele von ihnen verstehen es nicht, wie ich gleichzeitig schwul und Muslim sein kann. Aber auch bei den Türken fühle ich mich oft zu deutsch.“

Eine orientalische Melodie erfüllt den Raum. DJ Ipek spielt Halay, einen türkisch-kurdischen Volkstanz. Mustafa tanzt als erster in der Reihe aus 20 Menschen, er winkt mit einem weißen Taschentuch in der Luft. Alle haben ihre kleinen Finger miteinander verhakt. Ein Paar Schritte nach vorn, ein Paar Schritte nach hinten. Türken, Araber, Deutsche, glitzernde Transen, bärtige Schwule, geschminkte Heterofrauen – alle bewegen sich synchron im Zweivierteltakt. Bald wird es hell.

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Die Aufnahmen entstanden vor einer Notausgangstür

Es ist also etwas ganz Besonderes, dass es nun einen Bildband mit dem Titel „Kosmos Gayhane“ gibt, der Einblicke in den geschützten Raum erlaubt. Alle abgebildeten Clubgänger*innen haben dem Berliner Fotograf Nicolaus Schmidt ausdrücklich ihr Einverständnis gegeben, alle bekamen einen Abzug ihrer Porträts.

Schmidt kam 2002 zunächst einfach nur als Gast zu der monatlichen Veranstaltung, bei der unter anderem DJ Ipek ihren wunderbaren Mix aus türkischer, kurdischer, griechischer, indischer und anderer Musik auflegt. Er wurde Stammgast, bat irgendwann das „Gayhane“-Team um eine Fotoerlaubnis und legte los.

Innerhalb von drei Jahren entstanden die im Buch versammelten Porträts. Meist einzeln, manchmal auch zu zweit sieht man junge Männer mit Gelfrisuren, prachtvoll gestylte Drag Queens und auch ein paar Frauen und ältere Männer. Schmidt hat sie vor einer schwarzen Notausgangstür zwischen Bar und Tanzfläche mit doppeltem Blitzlicht aufgenommen. Dadurch heben sich die Gesichter gut vom dunklen Hintergrund ab. Schweiß, Schminke, Bartstoppeln und Poren sind genau zu erkennen. Die Nacht wird für einen Moment an- und festgehalten.

Neben den Porträts versammelt der 96- seitige Band auch Aufnahmen vom Bühnenprogramm, die aber eher Schnappschuss-Charakter haben. Hier fällt am deutlichsten auf, dass die Bilder teilweise schon über 15 Jahre alt sind. So ist einmal Gloria Viagra zu sehen – ohne Bart. Der ist inzwischen schon lange das Markenzeichen der Drag Queen, die die Party einst ins SO36 holte. Die legendäre „Gayhane“-Mitgründerin, Künstlerin und Kreuzberg-Eminenz Fatma Souad spielt eine prominente Rolle in Schmidts Buch. Sie taucht mehrmals auf und ziert auch das Cover – das schönste Porträt der Sammlung.

Weniger gelungen ist Nicolaus Schmidts künstlerische Ergänzung des Bandes durch sein sogenanntes morphografisches Alphabet. Eine von rechts nach links laufende Fantasieschrift, die wie ein zitteriges Fake-Arabisch aussieht. Immer wieder stehen wie Strophen wirkende Zeilen neben den Aufnahmen oder auf den Seiten zwischen den Porträts.

Die Schriftzeichen orientieren sich an früheren Arbeiten von Schmidt, wobei er sich für „Kosmos Gayhane“ von den „Tanzbewegungen eines Kurden“ inspirieren ließ, wie es in Helen Adkins’ Begleittext heißt. Gleichzeitig bezieht sich die Schrift auf den Umstand, dass Schmidt die Gespräche und Aktionen der Feiernden oft nicht verstand, weil er ihre Sprachen nicht beherrscht, die sozialen Codes nicht kennt.

Dass der 1953 geborene Künstler seine Fremdheitserfahrung in eine ästhetische Annäherung an die arabische Schrift übersetzt, ist sicher als Hommage gemeint, doch das missglückt. Die Zeichen haben einen ähnlichen peinsamen Effekt, als würde jemand auf einer Bühne in Pseudo- Arabisch herumstammeln, um Eindrücke einer anderen Kultur zu vermitteln. Dass es sich um ein ins Deutsche übersetzbares Alphabet handelt und Schmidt damit Zitate aus dem „Winterreise“-Zyklus des Romantik-Dichters Wilhelm Müller collagiert, macht die Sache noch absurder.

Informativ und spannend ist hingegen das 72-seitige illustrierte Begleitmagazin (beide Bände stecken in einem hochwertigen Schuber) mit Texten zu „Gayhane“. Unter anderem kann man hier Fatma Souads und İpek İpekçioğlus Beiträge aus dem 2016 erschienenen SO36-Geburtstagsbuch nachlesen und sich der Anfänge der Party gewahr werden. Wie DJ Ipek zum ersten Mal – mit Kassetten! – auflegte, wie Kiez-Machos versuchten, die Party zu dominieren und es sogar Schlägereien an der Tür gab.

Gayhane Video Published on Dec 27, 2013 on YouTube

The atmosphere is super friendly and relaxed. The party picks up after 1AM (as most parties in Berlin do). It could also be a good idea to get there earlier so you can get a sense for the space and observe the early birds on the dance floor. While you get warmed up (a.k.a. get some beer/drinks). Girls are also welcome to this party. Stay as long as you want. It will be bustling into the early hours of Sunday.

Türkische und arabische Klänge treffen auf Balkansounds

Seitdem setzt das Homo-Haus – Gayhane ist ein Wortspiel aus gay und mayhane, türkisch für „Kneipe“ – Maßstäbe. Das Ziel: queeren Migrant*innen einen sicheren Raum mit vertrauten musikalischen Klängen zu bieten. „Als alle wild darauf waren, reine Lesben- oder Schwulenpartys zu machen, waren hier immer alle Geschlechter willkommen“, sagt Ipek Ipekcioglu. Sie fing ihre Karriere 1994 im SO36 an und ist DJ bei Gayhane.

Bei Gayhane spielt sie einen eklektischen Musikmix aus türkischen, arabischen, hebräischen, griechischen und bulgarischen Klängen. Ergänzt werden sie durch die Showeinlagen – eine Hommage an den Salon Oriental. Gayhane ist bis heute Trendsetter.

Die Party-Reihe hat auch eine klare politische Linie. „Nationalismus, Rassismus, Sexismus: Alle -ismen sind bei uns verboten“, sagt Ipekcioglu. „Grenzüberschreitung ist Grenzüberschreitung, egal, ob sie von Heten, oder Geflüchteten, Transen oder Türken ausgeht“, fügt Sabuha hinzu, die sich als „Matrone“ von Gayhane bezeichnet. Sie wacht mit strengem Blick über die Gäste. Denn oberstes Gebot sei, dass sich alle wohl fühlen.

Die Privatsphäre der Gäste wird geschützt

Als einzige Party im SO36 verfügt das Gayhane daher über eine feste Security-Crew. Sie wahrt auch das Gleichgewicht zwischen Homos und Heteros. Denn auch wenn letztere willkommen sind, soll klar sein, wer den Ton angibt. „Vergiss nicht, dass du in einem schwulen, einen lesbischen Raum bist“, sagt Ipekcioglu. Das gelte auch für die vielen Tourist*innen, die sich inzwischen in Kreuzberg herumtreiben und die es auch zu Gayhane verschlägt.

Wichtig ist das, um die Privatsphäre der Gäste zu wahren. Viele von ihnen wohnen im Kiez, manche sind nicht geoutet. Dabei haben Migrant*innen, die queer sind, heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein als früher, meint Ipekcioglu: „Da haben sich viele Dragqueens im Bad umgestylt und kamen dann als perfekte Frau von der Toilette.“ Bevor es dann auf die Straße ging, schminkten sie sich wieder ab und zogen ihre Kleider aus. Das sei heute nicht mehr der Fall. Und auch queere Geflüchtete aus den arabischen Ländern stellten ihren Stolz selbstverständlich zur Schau, erzählt sie: „Sie fühlen sich bei Gayhane zuhause, weil Migrantin sein und Lesbe sein bei uns kein Widerspruch ist.“

Ab fünf Uhr wird die Musik immer basslastiger

Wie die Gäste hat sich auch die Musik im Gayhane gewandelt, neben orientaler Partymusik wird heute auch schon mal Trap aufgelegt. Und ab fünf Uhr früh wird es dann immer basslastiger. Immer noch sehr beliebt ist der traditionelle Halay, ein türkischer und kurdischer Kreistanz.

Nach dem Erfolg von Gayhane haben sich über die Jahre mehrere queere (post-) migrantische Partys etabliert, zuletzt die Hip-Hop- und R’n’B-Party Tasty im Schwuz. Doch es könnten noch viel mehr sein, findet Sabuha. „Ich habe immer noch das Gefühl, dass Clubs und Promoter davor zurückschrecken“, bemängelt sie: „Dabei zeigt unser anhaltender Erfolg: Der Bedarf ist da.“

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ayhane, Tayhane, Zayhane, Fayhane, Hayhane, Vayhane, BayhaneGyhane, Gqyhane, Gwyhane, Gsyhane, GyyhaneGahane, Gaahane, Gashane, GaxhaneGayane, Gayzane, Gayuane, Gaygane, Gayjane, Gaybane, GaynaneGayhne, Gayhqne, Gayhwne, Gayhsne, GayhyneGayhae, Gayhabe, Gayhahe, Gayhaje, GayhameGayhan, Gayhan3, Gayhan4, Gayhanw, Gayhanr, Gayhans, Gayhand, Gayhanf

Gayhane

Das Highlight ist die monatliche Oriental-Party Gayhane, die seit über 15 Jahren Lesben und Schwulen mit türkischen und arabischen Wurzeln eine Heimat bietet. Die Musik ist ein Mix aus Oriental-Pop, oft mit griechischen oder hebräischen Liedern dazwischen. Das Publikum ist bunt gemischt, was Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung und Outfit betrifft. Spät nachts liegen sich alle beim türkischen Kreistanz Halay in den Armen. Andere queere Veranstaltungen im SO36 sind immer sonntags das Café Fatal mit Standardtanz, sowie einmal im Monat das Kiezbingo, moderiert von den Drag Queens Gisela Sommer und Inge Borg.

20 Jahre „Gayhane“ im S036Wo das queere Multikulti-Berlin im Kreis tanzt

„Gayhane“ ist ein hart erkämpfter Raum, der viele Wandlungen durchgemacht hat. Inzwischen kommen auch viele Geflüchtete. Einer von ihnen ist Prince Emrah, der mit seinen Bauchtanz- Einlagen zu den Stars der Bühnenshows zählt. Seine Hüftschwünge kann man derzeit nur im Netz bewundern. Die Sehnsucht meldet sich, Sorge um das SO36 kommt hinzu. Das „Gayhane“-Buch hilft, beides ein wenig zu lindern.

Queerspiegel – Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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Aufleglegende Ipek

Für sie war es okay, für die Fotografierten auch. Was wir, als Leute, die keinen näheren, historisch gewachsenen Kontakt in diese Szene haben, schließlich sehen, sind Menschen, die beseelt aussehen, glücklich, an genau diesem Ort zu sein, eben in einem Raum der prinzipiellen Unangefochtenheit. So sieht man Gesichter, Mimiken, Schnappschüsse aus einem utopisch anmutenden Miteinander, buschige Wimpern und akkurat gezeichnete Kajallinien, Bartstoppeln und dünne Linien vom Schweiß der Nächte, voller Spannung, so die Fantasie des Betrachtenden, was der spätere Abend, die Nacht noch bringen wird.

Schick gemacht für den Party­betrieb: Ein Porträt von Cihangir in dem „Gayhane“-Buch Foto: Nicolaus Schmidt

Manchen Bildern sieht man das ältere Datum an, sie sind von grobkörnigerer Struktur, aber das erschließt sich erst beim Studium der Details. Unbedingt nötig, um sich dieses Werk zu erschließen, ist aber die Lektüre des Begleithefts, darin Texte von DJane Ipek, die in den frühen neunziger Jahren im „Gayhane“ zur Auflegelegende wurde, zunächst, was für eine schöne Information, mit Tapes wie für den Kassettenrecorder.

Aber auf technische Perfektion kam es offenbar damals – wie heute – nicht an. Schmidt beschreibt dies so: „Gayhane ist seit zwanzig Jahren eine Party­reihe im legendären SO36 in Berlin, ursprünglich von Fatma Souad und Cihangir Gümüştürkmen als ‚Salon Oriental‘ begonnen. ‚Hane‘ steht im Arabischen und im Türkischen für Haus. Gay­hane heißt damit so viel wie Schwulenhaus. […] Gayhane ist ein geschützter Raum. […] Ipek: ‚Erst mit Gayhane hat sich auch in Berlin das Bewusstsein entwickelt: Aha, es gibt da eine Community von Leuten, die einen Migrationshintergrund haben, aber auch LGBTQI sind.‘“

Und genau das ist der Punkt, an dem Weltkulturpionierleistungen erwogen werden könnten: Das „Gayhane“, das für queere Menschen aus den muslimisch geprägten Einwanderercommunitys ein Ort der Selbstvergewisserung, der Leichtigkeit, der Lust, des Aufbruchs, der schlichten Stärkung in Berlin war. Eine Heimat der Nacht, ohne dass sie als Familie beschrieben werden sollte.

Mehr queer als schwul

„Gayhane“, mehr queer als schwul, ist auch ein Ort, an dem, wie es in einem extrem versierten Text von Kira Kosnick im Begleitheft zu lesen steht, es nicht um fixe Identitäten geht, sondern um die „Sozialität“ des Gemeinsamen, also um die Erfahrungen, die die Be­su­che­r:in­nen zusammen machen: Man kann frei und unangefochten sein, ohne Nachstellungen zu fürchten. Solch einen Ort gab es nirgends, weder damals noch heute ernsthaft.

Im „Gayhane“, so gesehen, wuchs eine Community von Ber­li­ne­r:in­nen heran, die um Plätze jenseits des „weißen“ Metropolenlebens kämpften und so ins hauptstädtische Stimmenkonzert die ihren eintrugen: Aus dem „Gayhane“-Leben kam es zur Gründung von etlichen LGBTI*-Gruppen, in denen türkisch- und arabischstämmige Menschen sich wohlfühlen. Auch der Transgeniale Kreuzberger CSD wurde faktisch aus dem kulturellen Aufbruch, der aus diesen Nächten geboren wurde, erfunden.

Nicolaus Schmidt hat die wichtigsten Au­to­r:in­nen für das Booklet versammelt. Wir erfahren, dass die Türsteherpolitik geübt werden musste, weil es ja nicht nur galt, den rassistischen Feind außen vor zu lassen, sondern auch weiße Menschen, die in den gewöhnlichen Gästen des „Gayhane“ allenfalls interessante, exotisch anmutende Menschen sahen. Doch ebenso, das steht nicht nur zwischen den Zeilen, die Heteromacker aus der türkischen Community, die erst zu lernen hatten, wie man sich respektvoll und nicht queerphob zu verhalten hat.

Dominanzgebaren ist im „Gayhane“ in jeder Hinsicht unwillkommen. Platzhirsch­allüren heteronormativer Art haben dort keine Arena, gut so und erstaunlich erfolgreich.

Glamouröses Werk

Es ist alles in allem ein glamouröses Werk, als es dem echten Nachtleben von Drags, Tunten, Schwulen, Lesben, Trans* und ihren Freun­d:in­nen ein beeindruckendes Denkmal setzt, ein Zeugnis der Vitalität auch des modernen, auf Respekt und Liebe setzenden Berlins überhaupt. Gegen das, was im Berghain aufgeboten wurde, inklusive aller medialen Versuche, es zur ästhetischen Regierungszentrale Deutschlands aufzufönen, wirkt das Hingebungsvolle, das die Fotografien belegen, wie antiindustriell, handgemacht, frisch und kraftvoll.

Dass Nicolaus Schmidt zwischen seinen Bildern arabisch anmutende Fantasiezeichen setzt, „stark reduzierte Zeichnungen menschlicher Körper“ im Tanz, mag gefallen: Sie simulieren Versfragmente von Franz Schuberts „Winterreise“-Liedern – das kommt beinah einer „weißen“ Überinterpretationslust gleich.

Sie sind recht eigentlich unnötig: Das „Gayhane“, wie es DJane Ipek schreibt, möge leben, sie werde dem Haus als seine tonangebende Miterfinderin „von Herzen verbunden bleiben“. Und alle, die diese Partyreihe für ein Wunder in puncto Schönheit und Lust halten, auch.

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